Herbstliche Begegnung
Dieter Herzog
F/M
Die folgende Geschichte basiert auf eigenem Erleben. Sie enthält sexuelle
Elemente im Bereich SM, die nicht für jeden geeignet sind. Alle Rechte
vorbehalten.
Als er das Autoradio ausgeschaltet hatte und die Fensterscheibe in der Fahrertür
ordnungsgemäß geschlossen war, spürte er sein Herz dumpf und - wie ihm schien -
fast hörbar schlagen. Ein Augenblick der Beklemmung überfiel ihn. - Für einen
Moment dachte er daran, den Zündschlüssel wieder herumzudrehen und all dem
auszuweichen, was da so bedrohlich und verlockend zugleich auf ihn zukam. Aber
wie sollte er jemals wissen, was ihm entging, wenn er sich jetzt aus dem Staub
machte? Und schließlich: Er hatte ihr sein Wort gegeben...
Der große schwarze Wagen hielt fast geräuschlos auf der anderen Seite des
Parkplatzes, und W. wußte sofort: Sie war angekommen. Er schloß das Auto ab,
schlenderte hinüber, und dann sah er sie: Ein heller Kamelhaarmantel, fast bis
auf den Boden, darunter ein Paar brauner Handschuhe und passende Lederstiefel
mit bemerkenswert hohem Absatz.. Darüber eine dunkle Kurzhaarfrisur. Er
registrierte ein altersloses, eher schmal geschnittenes Gesicht und eine
undurchdringliche, riesengroße Sonnenbrille.
Ohne ein Wort zu sagen, reichte sie ihm die Hand, und einer plötzlichen
Eingebung folgend, bedankte er sich für ihr Kommen.
Wir werden ein Stück spazierengehen, sagte sie mit einer etwas metallisch
klingenden Altstimme, und vielleicht darfst Du mich dann in dem Ausflugslokal
dort drüben zu einem Tee einladen.
Sie gingen den Weg am Kanal entlang, den er schon so oft allein gegangen war,
nachdem B. ihn verlassen hatte. Die Unbekannte ging einen halben Schritt vor ihm
her, und er betrachtete sie unauffällig von der Seite.
Ich liebe es nicht, von Dir so begutachtet zu werden, wies sie ihn zurecht.
Das ist etwas, was Dir nicht zukommt, verstehst Du mich?
Er entschuldigte sich und senkte den Blick zu Boden.
Überhaupt scheinst Du noch vieles lernen zu müssen. Vorhin zum Beispiel. Weißt
Du denn nicht, daß es sich gehört, einer Herrin die Hand zu küssen, die sie Dir
zur Begrüßung reicht?
Er bat erneut um Verzeihung und spürte, wie ihm ein seltsamer Schauer über den
Rücken fuhr.
Wie alt bist Du? fragte sie nach einer Weile, ohne ihn eines Blickes zu würdigen.
Er sagte es ihr.
Was, schon sechsunddreißig? Das ist reichlich spät, um noch mit der Erziehung zu
beginnen. Hast Du denn noch nie zuvor einer Herrin gedient?
Er zögerte einen Moment. Da hatte es natürlich diese Spiele mit B. gegeben, und
manchmal hatte er sich schon gefragt, ob das wirklich nur Spiele waren... - Aber
andererseits - so wie von dieser Frau war er noch von keiner zuvor behandelt
worden.
Nein, ich habe auf diesem Gebiet keine Erfahrungen, aber weißt Du, ich...
Weiter kam er nicht. - Sie wirbelte herum und schlug ihm ohne zu zögern mit dem
Handrücken ins Gesicht. Der Schlag wurde zwar durch das weiche Leder ihres
Handschuhs gemildert, aber für einen Augenblick tat es trotzdem höllisch weh.
Wer hat Dir erlaubt, mich zu duzen, du elender Wurm? Weißt Du denn wirklicht
nicht, wie Du Dich einer Dame gegenüber zu benehmen hast?
Er stammelte irgend etwas Entschuldigendes und küßte instinktiv die ihm
hingehaltene Schlaghand. Dann bemerkte er die beiden Rentnerpaare, die ihnen auf
dem Weg entgegenkamen und vor Staunen und Entrüstung Mund und Nase aufsperrten.
Aber es war ihm egal, was sie dachten. Er hatte soeben eine Linie überschritten,
hinter der er keine Verantwortung mehr trug für das, was mit ihm geschah.
Die Sonne drang durch die schon gelichteten Kronen der Bäume am Ufer und warf
bizarre Kringel auf den Weg. Es war ein Frühherbsttag, wie er schöner nicht
gedacht werden konnte. Ein Schwarm junger Stare stieg zwitschernd auf,
verdunkelte fast den Himmel für einen Augenblick und startete dann in
chaotischer Ordnung einen Übungsflug für die kommende Reise in den Süden.
Und außerdem, so wie Du gebaut bist, weißt Du überhaupt, was es heißt, sich
unter meine Herrschaft zu begeben?
Er schwieg und dachte an den Prügelbock, den er unter B.s Anleitung hatte bauen
müssen und der jetzt nutzlos in der Bodenkammer stand...
Das bedeutet zum Beispiel, daß Du innerhalb von zwei Stunden bei mir zu sein
hast, wenn ich Dich brauche. - Und das nicht nur, wenn ich Lust auf Sex habe,
sondern schon dann, wenn Du für mich einkaufen gehen sollst, meine Wohnung
reinigen oder meine Schuhe putzen. Wenn ich Dich rufe, wirst Du nie wissen, was
Dich erwartet. Vielleicht will ich ja auch nur eine kleine neue Gemeinheit an
Dir ausprobieren, die ich irgendwo in einem dieser SM-Magazine gelesen habe.
Oder ich habe einfach Lust darauf, mir von Dir etwas Entsprechendes vorlesen zu
lassen. Vielleicht sollst Du aber auch meinen Freundinnen vorgeführt werden,
oder Du sollst meinen Hund ausführen oder...
Sie machte eine Pause und sah ihn aufmerksam an.
Ich werde tun, was Sie befehlen, flüsterte er.
Die Zwei-Stunden-Frist ist ganz gewiß kein Problem.
Er wußte, daß er in seinem Verlag nicht unersetzlich war, ob er nun einen
Kundenbesuch machte oder etwas Privates erledigte - niemand würde ihn, den Chef,
je danach fragen. Und über das Handy war er sowieso immer zu erreichen.
Sie hatten inzwischen den Kanal an der alten Fußgängerbrücke überquert und
wanderten auf dem gegenüberliegenden Ufer zurück. Ihr Schritt hatte sich etwas
verlangsamt und sie erlaubte ihm, mit ihr auf gleicher Höhe zu gehen. Ansehen
durfte er sie allerdings immer noch nicht.
Er sprach zu ihr von seiner Sehnsucht, einer Frau ganz anzugehören, sich ganz
und gar aufzugeben in dem Dienst an ihrer Schönheit, ihrer selbstverständlichen
Überlegenheit, ihrer Willensstärke, ihrer kreatürlichen Kraft. Er sprach von
seiner Mutter, die wohl solch eine Frau gewesen war - sehr mütterlich, sehr
liebevoll und sehr unerbittlich, wenn sie es für nötig hielt. - Und er sprach zu
ihr von B., der Rechtsanwältin, deren Lieblingsfantasie es gewesen war,
ungekrönte Alleinherrscherin in einem Männerknast zu sein: schwarzes Leder-Outfit,
Bullenlederpeitsche, eine Schar von ergebenen Wärterinnen in entsprechenden
Uniformen, immer darauf bedacht, die Männer klein zu halten, sie zu willenlosen
Werkzeugen ihrer Lust abzurichten, wilde und verwegene Spielchen mit ihnen zu
treiben. - Warum B. ihn verlassen hatte? Nun, eines Tages war da diese große
blonde Frau in ihrer Kanzlei erschienen, und die habe so eine Art gehabt, B.
anzusehen, daß es ihr durch und durch gegangen war, und nun lebte sie mit dieser
Frau zusammen in einer schönen alten Stadtrandvilla, war ihr Kammerkätzchen, ihr
willenloses Spielzeug, und ließ sich wohl auch züchtigen von ihr - nichts war
geblieben von diesen Träumen vom Männerknast und von lustvollen Spielen im
Gefängniskeller...
Natürlich sprach er zu ihr auch von seiner Arbeit. - Da war das offizielle
Programm, Kunstbücher und Bildbände über Architektur, einige Zeitschriften,
deren Qualität dafür gesorgt hatte, daß sein Name bei Kennern einen mehr als nur
guten Ruf genoß. Und da war dieses geheimnisvolle zweite Label, die Sachen, die
er in einer Druckerei weit außerhalb der Stadt unter einem Pseudonym herstellen
und über einen holländischen Anbieter vertreiben ließ: pornographische
Märchenbücher für Erwachsene gewissermaßen, oft sehr sorgfältig editiert und mit
Fotos und Zeichnungen ausgestattet, die in der Szene ihresgleichen suchten. Er
wußte auch nicht, warum er dieses zweite Standbein brauchte, warum er soviel
Freude dabei empfand, viele der Texte sogar selbst zu schreiben. Aber da gab es
diese geheime Sehnsucht in ihm, und sie müsse das doch verstehen....
Die schöne Fremde schwieg zu all dem, doch als sie den Kanal erneut überquert
hatten und wieder auf dem Parkplatz standen, erlaubte sie ihm, einen Karton mit
"Märchenbüchern" aus seinem Wagen zu holen und in dem Kofferraum der schwarzen
Limousine zu verstauen. Dies schien ihm ein gutes Zeichen zu sein, vielleicht
daß sie ihn ja doch erwählte, trotz seiner Ungeschicklichkeiten und seinem
Mangel an Erfahrung.
Später erst, beim Tee in dem kleinen Gartenlokal, wagte er es dann, eine erste
Gunst von ihr zu erbitten. Es war mühsam und schwierig gewesen, den Blick die
ganze Zeit zu Boden und von ihr fort gerichtet zu halten, während er ihr aus
seinem Leben berichtete, und tatsächlich erlaubte sie ihm, ihr von jetzt an ins
Gesicht zu sehen. Schließlich nahm sie sogar die Sonnenbrille ab. Was ihn
erschreckte, war die Kälte in ihrem Blick: Ihre Augen, graugrün und sorgfältig
geschminkt, schienen durch ihn hindurchzusehen.
Ich habe Dir mit großer Geduld zugehört und ich habe sogar Deine Bücher
angenommen, aber glaube nicht, daß Du Dir darauf irgendwas einbilden darfst. Du
bist wirklich nicht der Einzige, der sich auf meine Annonce hin beworben hat.
Sie nippte an ihrer Teetasse und blickte nachdenklich hinaus in den herbstlichen
Wald.
Vor allen Dingen bin ich noch gar nicht sicher, daß Du die Belastungen aushalten
wirst. - In den letzten fünfzehn Jahren habe ich immer einen oder auch mehrere
Sklaven gleichzeitig gehalten, einige nur für ein paar Wochen, andere für länger.
Dein Vorgänger zum Beispiel mußte gehen, weil er ungehorsam war und sich während
meiner Urlaubsreise nicht wie befohlen bei meiner Freundin einfand, wo er seine
wöchentliche Züchtigung abholen sollte. Er blieb einfach weg. Sagte zur
Entschuldigung, er sei nur auf mich fixiert. Ich habe ihm dann sehr schnell
gezeigt, daß diese Fixierung absolut einseitig war...
Wieder nahm sie einen Schluck aus ihrer Tasse.
Außerdem ist das alles vielleicht nicht ganz so einfach, wie Du es Dir denkst.
Ich bin absolut unberechenbar. Einmal habe ich einen Sklaven in einem Wald gar
nicht weit von hier zwei Tage und eine Nacht lang nackt an einen Baum gebunden,
weil er meine Höschen nicht ordentlich gebügelt hatte.
Sie lächelte versonnen.
Hinterher sah er gar nicht so gut aus, aber ich brauchte mich nie wieder über
ihn zu beklagen. Er war so dankbar, als ich ihn abholte und wieder bei mir
aufnahm...
Sie befahl ihm, ihren Mantel zu holen.
Wie gesagt, ich verspreche Dir nichts. Ich lasse es mir durch den Kopf gehen.
Wenn Du Glück hast, darfst Du bei mir anfangen. In dem Fall rufe ich Dich an.
Aber hoffe nicht zu sehr darauf.
Damit wandte sie sich zur Tür und schritt grußlos hinaus.
Einen Augenblick saß er noch wie erstarrt.
Dann rief er den Ober, zahlte und trat hinaus in die Dämmerung.
