Der Sadismus

Ein Beitrag zur Sittengeschichte
unserer Zeit.

Von

Dr. Veriphantor.

M. Lilienthal Verlag
Berlin 1903.

Als der englische Philosoph Hobbes in seinem berühmten „Leviathan“ als Hauptprinzip des gesellschaftlichen Zusammenlebens der Tiere und Menschen den „Krieg aller gegen alle“ (bellum omnium contra omnes) aufstellte, hatte er gewiss auch das scheinbar altruistischste Gefühl, die geschlechtliche Liebe, mit in diesen Begriff eingeschlossen. Wohl ist die Geschlechtsbegierde in ihren höheren, idealistischen Formen der höchsten Taten der Selbstlosigkeit und Selbstentäusserung fähig und vermag insofern auch der Allgemeinheit zu gute kommende Werte zu schaffen, ist also in dieser Hinsicht eminent sozialer Natur. Betrachtet man aber die Liebe, wo sie nicht blosser Platonismus ist, sondern eben eine geschlechtliche „Begierde“ darstellt, also in ihrer subjektiven Bedeutung, rein vom Standpunkt der Liebenden aus, so scheinen viele altruistische Handlungen derselben nicht um ihrer selbst willen geschehen zu sein, sondern dienen in letzter Linie doch nur wieder der Beglückung, Erweiterung, Vertiefung des Ich. Da erweist sich dieser dunkle, metaphysische Drang, in dem der Mensch gleichsam das Rätsel, die Wurzel des Daseins zu packen vermeint, als der wirkliche „Brennpunkt“ des „Willens“, als exklusivster Egoismus.

Mit Recht hat man von der Liebe als von einem „Kampfe“ zweier verschiedengeschlechtlicher Individuen gesprochen, in physischem und in moralischem Sinne. Jeder sucht das geliebte Wesen zu besiegen, an sich zu reissen, mit sich zu verschmelzen, eins mit ihm zu werden, in dieser Vereinigung aber sich

selbst am meisten zu empfinden, aus der Wonne der Umarmung gleichsam als ein gesteigertes, gekräftigteres Ich hervorzugehen. So bildet der Egoismus die Basis des natürlichen Geschlechtstriebes, die auch in den seelischen Projektionen desselben sichtbar wird. Um so glücklicher ist die Liebe, je mehr nun auch in seelischer Beziehung die Geliebte zu einer Beute des Liebenden wird, und vielleicht wird dieser Sieg auf psychischem Gebiete noch viel lustvoller empfunden, als die körperliche Hingebung.

Grausamkeit als potenzierter Egoismus.

Die krasseste Aeusserungsform nun des menschlichen Egoismus, welch letzterer in der geschlechtlichen Liebe eine so hervorragende Rolle spielt, ist die Grausamkeit, die Freude an dem Leiden und den Schmerzen eines anderen. Ihr Wesen als eine allgemeine anthropologische Erscheinung ist neuerdings von J. Bloch in seinem bedeutsamen Werke über die „Aetiologie der Psychopathia sexualis“ (Dresden 1903) in eingehender Weise wissenschaftlich untersucht und in ihren verschiedenen ursächlichen Momenten dargestellt worden, auf welche interessanten Ausführungen wir den Leser verweisen.

Schopenhauer’s Ansicht, dass der Mensch einen natürlichen Hang zur Grausamkeit besässe, wird durch die Beobachtungen an primitiveren Menschen, an Wilden und Kindern bestätigt. Hier erscheint derselbe noch als etwas Natürliches, Selbstverständliches. Man beobachte nur, wie Kinder die ihnen in die Hände fallenden Tiere zwecklos, aus purem Zeitvertreibe und zu ihrer eigenen Belustigung quälen und martern.

Nach Nietzsche durchzieht dieser primitive menschliche Hang zur Grausamkeit auch die gesamte höhere Kultur des Menschengeschlechts. „Fast Alles“, sagt er, „was wir ,höhere Kultur’ nennen, beruht auf der Vergeistigung und Vertiefung der Grausamkeit

- dies ist mein Satz; jenes „wilde Tier“ ist gar nicht abgetötet worden, es lebt, es blüht, es hat sich nur - vergöttlicht. Was die schmerzliche Wollust der Tragödie ausmacht, ist Grausamkeit; was im sogenannten tragischen Mitleiden, im Grunde sogar in allem Erhabenen bis hinauf zu den höchsten und zartesten Schaudern der Metaphysik, angenehm wirkt, bekommt seine Süssigkeit allein von der eingemischten Ingredienz der Grausamkeit. Was der Römer in der Arena, der Christ in den Entzückungen des Kreuzes, der Spanier angesichts von Scheiterhaufen oder Stierkämpfen, der Japanese von heute, der sich zur Tragödie drängt, der Pariser Vorstadtarbeiter, der ein Heimweh nach blutigen Revolutionen hat, die Wagnerianerin, welche mit ausgehängtem Willen Tristan und Isolde über sich „ergehen lässt“, - was diese Alle gemessen und mit geheimnisvoller Brunst in sich hineinzutrinken trachten, das sind die Würztränke der grossen Circe „Grausamkeit“.

Es lässt sich nicht leugnen, dass das im Eingange unserer Schrift über den „Flagellantismus“ geschilderte Erregungsbedürfnis des modernen Kulturmenschen der weiten Verbreitung grausamer Gelüste einen gewaltigen Vorschub leistet. Wir werden weiter unten noch genauer auf diese eigenartige Verknüpfung der Grausamkeit mit dem Kulturleben zu sprechen kommen. An dieser Stelle betrachten wir zunächst die Rolle derselben in der Liebe und im Geschlechtsleben.

Grausamkeit und Wollust

Indem wir als einen wesentlichen Zug selbst des in der Form der Liebe idealistischen Geschlechtstriebes den Egoismus nachweisen, als dessen höchste Potenz die Grausamkeit aufgefasst werden muss, können wir a priori annehmen, dass in der gröbsten und materiellsten Erscheinungsform des Sexualtriebes, der rein physischen Wollust, Egoismus und Grausamkeit am krassesten zu Tage treten. Der Marquis

de Sade, der die Beziehungen zwischen Grausamkeit und Wollust in ein förmliches System gebracht hat, worüber gleich Näheres mitgeteilt werden soll, konstruiert, wie Dühren in seinem bekannten Werke über den „Marquis de Sade und seine Zeit“ ausführt, den folgenden Zusammenhang zwischen Wollust und Grausamkeit: Die Wollust ist das Primäre. Sie erstickt das Mitleid im Menschen und macht ihn hart und gefühllos. Deshalb bedarf der in der Wollust ganz aufgehende Mensch immer stärkerer Reize, um befriedigt zu werden. Die Nervenmasse muss durch einen sehr starken Schlag aufgerüttelt und erschüttert werden. Es ist aber unzweifelhaft, dass der Schmerz die Nerven heftiger angreift, als die Freude und daher dieselben lebhafter erregt. Der Schmerz anderer erzeugt in dem Wüstling eine angenehme Empfindung. Die Natur spricht uns niemals von anderen, sondern nur von uns. Sie preist uns das Suchen der Lust an. und es ist ihr einerlei, ob das anderen angenehm ist oder nicht.

Aehnliche Ideen über den Zusammenhang zwischen Wollust und Grausamkeit entwickelt ein englischer Autor. In dem interessanten Kapitel über Sadismus, welches den dritten Band seines „Geschlechtslebens in England“ einleitet, teilt Dühren die folgende Stelle aus dieser „Experimental Lecture by Colonel Spanker“ mit:

„Das Gefühl der Wollust kann nur durch zwei Dinge erregt werden, nämlich erstens dadurch, dass wir glauben, dass der Gegenstand unserer Liebe sich unserem Schönheitsideal nähert, oder zweitens dadurch, dass wir diese Person möglichst starke Sensationen fühlen sehen. Kein Gefühl ist aber lebhafter, als das des Schmerzes, seine Erschütterung ist wirklich und gewiss. Er leitet nie irre, wie die Komödie der Wollust, die von Weibern ewig gespielt, aber niemals wirklich gefühlt wird. Derjenige,

welcher auf eine Frau den stärksten Eindruck hervorbringen, der die weibliche Organisation bis zum äussersten in Aufregung und Vibration versetzen kann, wird auch sich selbst den höchsten Grad sinnlichen Genusses verschafft haben.“

Der Sadismus: Biographie des Marquis de Sade

Man nennt diese eigentümliche Verbindung von Grausamkeit und Wollust ganz im allgemeinen „Sadismus“, welcher Ausdruck allerdings noch einer des speziellen Erläuterung und Definition bedarf. Er ist nach dem Urheber dieser Theorieen, dem berüchtigten Marquis de Sade, gebildet worden, welcher ein förmliches detailliertes System der auf diesem Zusammenhange beruhenden Geschlechtsgenüsse ausgebildet hat, eben den Sadismus, dessen Definition daher, wie wir sehen werden, eine noch umfassendere ist, als bisher angedeutet wurde.

Donatien Alphonse François, Marquis de Sade, geboren am 2. Juni 1740, entstammte einem alten provenzalischen Adelsgeschlechte, unter dessen Ahnfrauen Petrarca’s „Laura“, die Gattin von Hugo de Sade, vor allem zu nennen ist, deren lieblich-unschuldige Erscheinung am Anfange der Geschichte der Familie de Sade zu derjenigen unseres Marquis einen unerhörten Kontrast bildet. Ein „grausamer Witz der Literaturgeschichte“ scheint, wie Eulenburg sagt, diese Beiden in einer und derselben Familie vereinigt zu haben.

Unter den übrigen Vorfahren des Marquis de Sade, die,grösstenteils hohe staatliche und militärische Aemter bekleideten, verdient nur noch sein Oheim, der galante Abbé François de Sade eine Erwähnung, weil von diesem der Marquis die Neigung zu erotischen Abenteuern und vor allem zur Schriftstellerei geerbt zu haben scheint.

Nachdem de Sade als Knabe das Collège Louis-le-Grand in Paris besucht hatte, trat er als Offizier in ein Kavallerieregiment ein, bei welchem er den

siebenjährigen Krieg in Deutschland mitmachte, nach dessen Beendigung er im Jahre 1763 nach Paris zurückkehrte. Schon damals hatte er sich einem lasterhaften Leben ergeben, und der Vater verheiratete ihn mit der ältesten Tochter des Präsidenten von Montreuil, um ihn dadurch der Korruption zu entreissen. Es entspann sich aber noch vor der Hochzeit ein Liebesverhältnis zwischen de Sade und der jüngeren Tochter des Präsidenten, welches viel zu dem Unglücke dieser Ehe und dem späteren unregelmässigen Lebenswandel des Marquis beitrug, obgleich seine Gattin ihm trotz aller Missachtung eine leidenschaftliche und selbstlose Liebe entgegenbrachte.

Von dieser Zeit an gaben die sexuellen Ausschweifungen des Marquis de Sade wiederholt Anlass zu öffentlichem Skandal und führten ihn wiederholt und zuletzt für lange Jahre ins Gefängnis, wo er im ganzen 14 Jahre zubrachte. Auch begann er damals, schon mit 23 Jahren, die Abfassung obscöner Schriften.

Unter diesen Skandalaffären verdienen besonders zwei eine Erwähnung: Die Affäre Keller vom 3. April 1768 und die berüchtigte Cantharidenbonbons-Orgie zu Marseille vom 21. Juni 1772.

Nach verschiedenen, nicht ganz mit einander übereinstimmenden Berichten über die erstere Skandalgeschichte hatte der Marquis de Sade am Osterdienstag des Jahres 1768 eine gewisse Rosa Keller, die Witwe eines Deutschen, auf der Strasse angesprochen, sie mit sich in seine „petite maison“ in Arceuil geführt, wo er sie fesseln liess, und entweder durch Messerstiche verletzte, oder nach einer anderen Version mit Ruten peitschte, worauf er seine Wollust mit ein paar anwesenden Dirnen befriedigte. Es existiert noch ein dritter Bericht, nach welchem die völlig entkleidete Keller, erschreckt durch den Anblick der sie umgebenden Folterwerkzeuge, ohne

weiteres zum Fenster hinausgesprungen sein soll. Das wesentliche in diesen drei Berichten ist jedenfalls der Umstand, dass de Sade hier offenbar seine eigentümlichen, in den späteren Romanen mit so grosser Ausführlichkeit entwickelten Theorieen über den die Wollust steigernden Einfluss der Grausamkeit ins Praktische zu übersetzen versuchte, was ihm freilich nur unvollkommen gelungen zu sein scheint.

Der zweite Skandal zu Marseille im Jahre 1772 machte noch mehr Aufsehen und verschaffte seinem Urheber die zweifelhafte Berühmtheit, die seitdem stets mit seinem Namen verknüpft wurde und wohl nicht wenig den Erfolg seiner berüchtigten litterarischen Produkte herbeiführte. Auch die Marseiller Affäre ist uns in verschiedenen Darstellungen überliefert worden. In der bekanntesten, der von Bachaumont, heisst es: „Er gab einen Ball, zu dem er viele Leute eingeladen hatte, und beim Dessert verteilte er sehr schöne Chokoladenpastillen, von denen viele Leute assen. Denselben waren gepulverte spanische Fliegen beigemischt. Man kennt die Wirkung dieses Mittels. Alle, die davon gegessen hatten, wurden von einer schamlosen Brunst ergriffen und begingen die tollsten Liebesexzesse. Das Fest artete zu einer wilden altrömischen Orgie aus. Die keuschesten Frauen konnten der Mutterwut nicht widerstehen, welche sie verzehrte. Der Marquis de Sade missbrauchte seine Schwägerin, mit der er dann entfloh, um der ihm drohenden Todesstrafe zu entgehen. Mehrere Personen starben an den Folgen der Exzesse, andere sind noch sehr krank.“ Nach einer anderen Nachricht soll de Sade die Cantharidenbonbons unter die Insassinnen eines Bordells verteilt haben und dadurch die eben geschilderten Folgen hervorgerufen haben. In Wirklichkeit scheinen letztere aber nicht eingetreten zu sein, und die gegen de Sade erhobene Anklage auf Giftmord beruhte auf einem

blossen Verdacht, da die Bonbons, wie die chemische Untersuchung ergab, kein Gift enthielten. Dasselbe dürfte hinsichtlich der von mehreren bei der Orgie beteiligten Dirnen gegen den Marquis erhobenen Anklagen wegen widernatürlicher Unzucht der Fall sein.

De Sade, der inzwischen mit seiner Schwägerin nach Italien entflohen war, wurde vom Parlamente in Aix in contumaciam zum Tode verurteilt, welches Urteil 1778 in eine Geldstrafe umgewandelt wurde. Er selbst war 1772 nach dem plötzlichen Tode seiner Schwägerin-Maitresse in Piemont verhaftet und im Fort Miolans gefangen gesetzt worden. Es gelang aber seiner mit selbstlos-leidenschaftlicher Liebe an ihm hängenden Gattin, ihm im Mai 1773 zur Flucht zu verhelfen. Er hielt sich dann vier Jahre in Gesellschaft einer neuen Maitresse in Italien auf, kehrte 1777 nach Frankreich zurück, wo er bald verhaftet und im Festungsturm von Vincennes eingekerkert wurde, von wo er im Jahre 1784 in die Bastille gebracht wurde. Von hier kam er am Vorabend der Erstürmung der Bastille nach Charenton, um durch Dekret der konstituierenden Versammlung vom 29. März 1790 befreit zu werden.

In diesen 13 Gefängnisjahren entstanden die ersten Entwürfe zu seinen berüchtigten Werken, die gleichsam als eine Ableitung des jahrelang unterdrückten Geschlechtstriebes anzusehen sind. Dass aber die Brutalität und Grausamkeit, von denen diese Werke triefen, nicht blosse Phantasiegebilde waren, sondern im Charakter des Marquis lagen, bewies die herzlose Art, mit welcher er die ihn abgöttisch liebende Gattin in Briefen und bei ihren häufigen Besuchen im Gefängnis behandelte, so dass man sie öfters vor tätlichen Angriffen schützen musste. Das Material für seine Schriftstellerei im Gefängnis lieferten ihm ausser seiner sehr

fruchtbaren Phantasie zahlreiche Bücher, die er sich zu verschaffen wusste, und aus denen er das ihm Zusagende auszog.

Die Revolution, welche ihn in Freiheit setzte, entsprach ganz den politischen und sozialen Anschauungen, welche er sich während seiner langen Gefangenschaft gebildet hatte. Mit Enthusiasmus schloss er sich an die berüchtigten Urheber der „Schreckensherrschaft“ an, feierte besonders den blutdürstigen Marat als Befreier der Menschheit und trug auch seinen Tribut zu derselben bei, indem er seine die Grausamkeit in ihrer Verbindung mit der Wollust verherrlichenden Schriften in den ersten Jahren der Revolution erscheinen liess. Auch nahm er sein früheres lasterhaftes Leben wieder auf, beging allerlei Exzesse, versuchte sich auch als Dramatiker und politischer Pamphletist. Als solcher schrieb er unter dem Direktorium einen obscönen Roman „Zoloë et ses deux acolytes“ mit heftigen Ausfällen gegen Joséphine de Beauharnais, Madame Tallien, Barras, Bonaparte u.a., welche am 5. März 1801 zu einer neuerlichen Verhaftung und Einsperrung in den Irrenanstalten von Bicêtre und Charenton führten, an welch letzterem Orte er den Rest seines Lebens verbrachte, unaufhörlich in Rede und Schrift mit obscönen Dingen beschäftigt, als „Theaterdirektor“ für das Amüsement der Insassen der Anstalt sorgend und von den Frauen verhätschelt, bis er, 74 Jahre alt, am 2. Dezember 1814 an einer Lungenaffektion starb.

Hauptschriften des Marquis de Sade

Die Hauptschriften. in denen der Marquis de Sade seine ungeheuerlichen Theorieen über die „Wonne des Lasters“ und den wollüstigen Genuss, der aus grausamen Handlungen entspringt, niedergelegt hat, sind die mit einander zusammenhängenden Romane „Justine ou les Malheurs de la Vertu“ (Erstausgabe 1791) und „Juliette ou les Prospérités du

vice“ (Erstausgabe 1796), die in den späteren Ausgaben zusammen zehn Bände umfassen, und der obscöne Dialog „La Philosophie dans le Boudoir“ (Erstausgabe 1795, 2 Bände).

In dem ersteren berüchtigten Romane schildert de Sade die infolge ihrer Stellung zur Tugend ganz entgegengesetzten Schicksale zweier Schwestern. Die tugendhafte Justine erleidet infolge ihrer Rechtschaffenheit die härtesten Verfolgungen, gerät in die Hände von Räubern, Wüstlingen, Mönchen, Adligen, Bischöfen u. a. m., die alle in sexuellen Ausschweifungen schwelgen und auch die arme Justine zu einem Opfer ihrer Lüste machen, welche fast alle mit den grässlichsten Martern, mit Hinrichtungen, Notzucht, Giftmord u.s.w. einhergehen. Diese Scheusale baden sich im Blute, um die Wollust zu geniessen, sie ergehen sich in langatmigen Reden über die „Wonne des Lasters“, welche insbesondere das Thema der „Juliette“ bildet, deren Titelheldin das Laster und seine Triumphe verkörpert. Kloster, Bordell, Ministerhotel, Königspalast, ja, sogar der Vatikan bilden den Schauplatz ihrer verbrecherischen Orgien, in denen wiederum die höllische Phantasie des Verfassers sich zu überbieten sucht. Die scheusslichsten Verirrungen des Geschlechtstriebes werden dort unter Strömen von Blut, unter Anwendung der raffiniertesten Marterung der unglücklichen Opfer dieser Lüste und unter gotteslästerlichen Reden und schändlichen Blasphemieen jeder Art begangen. Man lese die ausführliche Analyse dieser beiden schauerlichen Romane bei Dühren „Der Marquis de Sade (3. Aufl. S. 351-393), deren Schluss durch den elenden Tod der armen, tugendhaften Justine und die weitere glänzende Laufbahn der lasterhaften Juliette gewissermassen die These des Ganzen bekräftigt.

Die „Philosophie dans le Boudoir“ schildert in Form von Gesprächen die Erziehung eines jungen

Mädchens zum Laster, wobei theoretisch und praktisch die ärgsten geschlechtlichen Ausschweifungen zur Darstellung kommen. Das Werk ist den Wüstlingen beider Geschlechter und jeden Alters gewidmet und predigt geschlechtliche Freiheit im weitesten Sinne des Wortes. Während der grösste Teil des Werkes von eigentlichen Grausamkeiten frei ist, nähert sich der Schluss ganz der Tendenz der „Justine“ und „Juliette“, indem hier eine Tochter die Mutter den grausamsten Misshandlungen unterwirft, um ihre eigene geschlechtliche Lust dadurch zu erhöhen.

Wichtigste Litteratur des Sadismus

Wenn auch diese drei Schriften de Sade’s wichtigste selbst immer die Hauptquelle der Kenntnis des „Sadismus“ bilden werden, zu dessen genauerer Definition wir alsbald übergehen, so hat doch die systematische wissenschaftliche Erforschung dieser geschlechtlichen Phänomene in den letzten Jahren eine ziemlich reiche Litteratur gezeitigt, aus der wir im folgenden nur die bedeutendsten Schriften hervorheben. Vor allem ist das grosse Werk des Dr. Eugen Dühren „Der Marquis de Sade und seine Zeit“ (3. Auflage. Berlin 1901) zu nennen, dessen ausserordentlicher Erfolg auf die sehr originelle Auffassung des Themas zurückzuführen ist, indem der Verfasser die Sittengeschichte der Zeit in breitester Weise zur Erklärung der Persönlichkeit und der Werke de Sade’s herangezogen hat, so dass letztere nicht mehr als durchaus bizarre und isolierte Produkte dastehen, sondern als in ihrer Epoche wurzelnd erkannt werden. - Ebenderselbe Autor hat diese Auffassung des Sadismus noch weiter vertieft in seinem grossen und vielleicht noch interessanteren Werke über das „Geschlechtsleben in England“, speziell in dessem dritten Bande (Berlin 1903), wo er auf S. 64-100 den englischen Sadismus einer ausführlichen Besprechung unterzieht und seinen Zusammenhang mit dem englischen Nationalcharakter sehr einleuchtend

darlegt. Beide Werke enthalten eine Fülle äusserst interessanter Tatsachen. - Weiter kommen in Betracht A. Eulenburg „Ueber Sadismus und Masochismus“ (Wiesbaden 1903; enthält ebenfalls eine Biographie des Marquis de Sade); Havelock Ellis „Das Geschlechtsgefühl (Würzburg 1903 S. 111 ff.); Iwan Bloch „Beiträge zur Aetiologie der Psychopathia sexualis“ (Dresden 1903, Bd. II S. 34-118).

Definition des Sadismus

Die Verbindung von Grausamkeit und Wollust geschieht in so verschiedenen Fällen, die zum Teil sehr abgeschwächter Art sind, dass eine Definition des Sadismus als die einfache Verbindung zwischen Wollust und Grausamkeit, als Erregung des Sexualtriebes durch den Zerstörungstrieb, wie sie Lacassagne zuerst ausgesprochen hat, nicht ausreichend ist, um alle hierher gehörigen sexuellen Phänomene zu erklären. v. Krafft-Ebing, der den Sadismus neben dem Masochismus als die Grundform der psychosexuellen Perversionen überhaupt betrachtet, versteht unter Sadismus die sexuelle Befriedigung, welche dadurch erreicht wird, dass der Betreffende einer anderen Person Schmerz zufügt und Gewalt auf sie ausübt, während der Masochismus den geschlechtlichen Genuss im Erleiden von Schmerz und Gewalt darstelle. Demgegenüber haben Autoren wie Eulenburg, v. Schrenck-Notzing, Dühren, Thoinot u.a. darauf aufmerksam gemacht, dass nicht bloss gegen andere Menschen sich die Grausamkeit des Sadisten richte, sondern dass dieselbe auch Tiere, Leichen, leblose Objekte zum Gegenstande haben könne, ja. dass sie sowohl in Beziehung auf den Menschen als auch auf letztere Objekte eine blosse symbolische und ideelle sein könne, indem eben das blosse Zuschauen oder die blosse Vorstellung grausamer und vernichtender Handlungen die Geschlechtslust errege. Ja, auch

zerstörende Naturereignisse, wie Feuersbrünste, Ausbrüche von Vulkanen und blosse Beschädigungen des Eigentums, wie Diebstahl, sind im Stande, bei einigen Personen Wollustgefühle auszulösen. Daher kommt Dühren in dem erwähnten Werke S. 449 zu der folgenden, alle diese Erscheinungen berücksichtigenden Erklärung des Sadismus:

„Der Sadismus ist die absichtlich gesuchte oder zufällig dargebotene Verbindung der geschlechtlichen Erregung und des Geschlechtsgenusses mit dem wirklichen oder auch nur symbolischen (ideellen, illusionären) Eintreten furchtbarer und erschreckender Ereignisse, destruktiver Vorgänge und Handlungen, welche Leben, Gesundheit und Eigentum des Menschen und der übrigen lebenden Wesen bedrohen oder vernichten, und die Kontinuität toter Gegenstände bedrohen und aufheben, wobei der aus diesen Vorgängen einen geschlechtlichen Genuss schöpfende Mensch selbst ihr direkter Urheber sein kann, oder sie durch andere herbeiführen lässt, oder blosser Zuschauer bei denselben ist, oder endlich freiwillig oder unfreiwillig ein Angriffsobjekt dieser Vorgänge ist.“

Ein eifriger Leser unserer Broschüre über den Flagellantismus hat sich eine eigenartige Erklärung des Sadismus ausgedacht, die er uns bittet, zu veröffentlichen, ohne dass sein Name genannt werde. Er ist gegenwärtig ein von jeder Regelwidrigkeit des Geschlechtslebens freier, glücklicher Ehemann, dessen zahlreiche Verwandte, gleich den Eltern und Grosseltern, stets geistig wie körperlich normal waren und sind. Als Knabe und Jüngling stellte sich bei ihm bei dem Anblicke verschiedener Misshandlungen - zuerst sah er, wie Schuljungen sich prügelten - oder bei einer lebhaften Vorstellung solcher eine starke geschlechtliche Erregung bis zur Erektion und Ejakulation ein, einerlei, ob er sich im Geiste in die Rolle

Teiles, oder auch nur des Zuschauers versetzte. Im letzteren Falle pflegte er das lebhafteste Mitleid zu empfinden, so dass ihm ein bei M. Perty gefundener Satz: „Die Reflexe stärkeren Mitleids treten gern in den Geschlechtsteilen auf, bei reizbaren Individuen bis zu Pollutionen“ eine Zeitlang als Erklärung seiner ihn befremdenden und mitunter beunruhigenden (durch Lektüre, wie z. B. Onkel Tom’s Hütte gesteigerten) Erregbarkeit galt. Der natürliche Geschlechtsverkehr bewirkte alsbald ein Aufhören dieser krankhaften Erregungen, die sich in der Ehe nie wieder zeigten.

Nach dieser Erfahrung an sich selbst kann der Anonymus die verbreitete Ansicht, dass das Wesen des Sadismus, die geschlechtliche Erregung durch aktive Misshandlungen als Ausfluss eines Triebes zur aktiven Unterwerfung aufzufassen sei, nicht teilen. Seine „wollüstige“ Erregung bei Misshandlungsvorstellungen war überhaupt keine geistige, sondern eine physische, und diese stellte sich bei einem am richtigsten, wie er sagt, als „antipassivistisch“ zu bezeichnenden Affektzustande ein, der mit einer Art von „Schmerzlüsternheit“ (Algolagnie) verbunden ist. Nach dem Anonymus passen die Bezeichnungen „Sadismus“ und „Masochismus“ eigentlich nur auf solche Fälle von krankhafter Geschlechtslust, die sich im wesentlichen durch den Rausch einer schrankenlos ge- und missbrauchten Macht kennzeichnen, den der Sadist für sich selbst begehrt, während ihn der Masochist einer leidenschaftlich geliebten Person anderen Geschlechts überlässt, um innerlich daran teilzunehmen. Ausser dem geistigen Rausch des Machtbewusstseins, als Erklärung des eigentlichen Sadismus und Masochismus kommt jedoch der vermutlich viel häufigere sinnliche Erregungszustand der sogenannten „Schmerzlüsternheit“, d. h. der mehr oder

weniger starken reflektierenden Erregung der Geschlechtsnerven durch Empfindung oder Vorstellung willkürlich erregten Schmerzes als gemeinsames Grundphänomen des vorerwähnten Pseudo-Sadismus und Pseudo-Masochismus in Betracht.

Schmerzlüsternheit und egoistischer oder altruistischer Machtrausch mögen in manchen Fällen mit einander, sowie mit dem geistigen oder sinnlichen Verhältnis der betreffenden Personen zum anderen Geschlecht verknüpft sein; am häufigsten jedoch dürfte die Schmerzlüsternheit (bezw. nach Ansicht des Verfassers der angenehm empfundene Nervenreiz des antipassivistischen Affekts) für sich allein bestehen und vollkommen ausreichen, die fast allgemeine Anziehungskraft grausamer Szenen im Leben und in der Litteratur zu begreifen, ohne dass man deswegen mit Schopenhauer und Nietzsche jedem Menschen, schon jedem Kinde einen „Trieb zur Grausamkeit“ zuschreiben müsste.

Die Entstehung der Schmerzlüsternheit führt der Anonymus auf eine Art von Wesenseinheit zwischen Wollust und Schmerz zurück. - Der Misshandlungsschauder kann unmittelbar in Wollustschauder übergehen, weil beide auf gleichen oder eng zusammenhängenden Vorgängen in Gehirn und Nerven beruhen, oder es kann die Lüsternheit auf einen dem willkürlichen Schmerz an Stärke entsprechenden Genuss in die Geschlechtsorgane, als Organe des einzigen entsprechend starken Lustgefühles ausstrahlen. Bedingung für diese „algolagnistische“ Erregung ist körperlich eine gewisse nervöse Uebererregbarkeit, geistig ein Uebermass des natürlichen, bewusst oder unbewusst stets regen Grundtriebes zum Suchen der Lust und Fliehen des Schmerzes, (welcher Grundtrieb durch Vorstellung einer Vergewaltigung - durch Misshandlungen - wie seiner stärksten Befriedigung - zu

gleich stürmischer Reaktion herausgefordert wird), aber keineswegs notwendig eine Entartung des sittlichen Empfindens oder des Verhältnisses zum anderen Geschlecht, zu dem ja jede Beziehung bei algolagnistischer Erregung im jugendlichen Alter noch fehlen kann. Die vielen jugendlichen Personen also, denen Misshandlungs-Vorstellungen (gleichmässig in der Rolle des herrschenden oder des unterworfenen Teils, oder auch nur des Zuschauers) unwillkürlich einen angenehmen Nervenreiz mit schwächerer oder stärkerer Ausstrahlung in die Geschlechtssphäre verursachen, sind noch nicht „Sadisten“ oder „Masochisten“. Sie fassen ihre ihnen selbst rätselhafte Erregung oft nur als Entrüstung oder Mitleid auf und suchen das damit verbundene sinnliche Lustgefühl zu unterdrücken, was auch trotz der oft vorhandenen Willensschwäche und krankhaften Neigungen zu Autosuggestionen fast immer gelingen dürfte, besonders in der Ehe.

Physiologische Elemente im Sadismus.

Diese geistreiche Theorie unseres Anonymus läuft im letzten Grunde auch darauf hinaus, dass bis zu einem gewissen Grade der Sadismus eine natürliche im animalischen Leben begründete Erscheinung ist, dass er gewiss rein physiologische Elemente enthält, die als Ingredienzien der normalen Liebe zu betrachten sind.

Schon bei Tieren, denen man ja auch im allgemeinen ein bewusstes Raffinement in der Steigerung der Geschlechtslust absprechen muss, finden sich sogar Vorrichtungen am Körper, die dazu dienen, während des Geschlechtsverkehrs eine Art von Misshandlung auszuüben. Dr. Eugen Dühren citiert im zweiten Bande seines Werkes über das „Geschlechtsleben in England“ eine interessante Stelle des Physiologen Burdach über diese erotischen Marterwerkzeuge der Tiere. Es heisst daselbst:

Bei manchen Tieren finden sich eigentümliche Organe zur Reizung. So hat der Skorpion unter der Klappe der Zeugungsöffnung auf jeder Seite einen Kamm, der wahrscheinlich als Palpe dient, womit Männchen und Weibchen sich gegenseitig streicheln. Bei Helix und Parmacella findet sich in einem blinden Anhange der gemeinschaftlichen Zeugungshöhle der sogenannte Liebespfeil, ein spitziges, kalkiges, vierschneidiges Körperchen, das auf einer kleinen Warze steht; nachdem sie die Zeugungshöhle nach aussen umgestülpt haben, schleudern sie den Pfeil hervor und verwunden einander damit an irgend einer Stelle; jede Schnecke fürchtet sich davor und versteckt sich in ihr Haus, wie sie den Pfeil der anderen erblickt, bis er sie endlich unerwartet erreicht, wobei er dann abbricht, um späterhin sich von Neuem zu erzeugen. Andere Tiere verwunden sich auf andere Weise: Der Hahn hackt die Hühner auf Hals und Hinterkopf, und der männliche Aguti bringt dem Weibchen eine grosse Bisswunde im Nacken bei; ebenso beisst der wilde Kater die Katze in den Nacken. Bei anderen besteht die Reizung in einem sanften Schlagen; so schlägt der weibliche Fisch mit dem Kopfe an den Hinterleib des Männchens, die Tritonen legen die Köpfe aneinander, das Männchen richtet den Kamm auf, bewegt ihn rechts und links und schlägt mit dem gekrümmten Schwänze das Weibchen; das Männchen von Salamandra exigua beugt den Schwanz nach vorn, bewegt ihn sehr schnell und schlägt dann das Weibchen damit, das von Salamandra platycauda stellt sich zur Seite, schlägt mit dem Schwanze das Wasser, nähert ihn dann dem Weibchen und schlägt es damit.“

Beim Menschen existieren zwar nun keine solche natürlichen Verrichtungen zur Erregung von Schmerzempfindungen beim Geschlechtsverkehr. Jedoch beobachtet man auch bei noch nicht von der Kultur be-leckten Völkern gewisse Erscheinungen bei der Vollziehung des Geschlechtsaktes, die auf eine sadistische Regung deuten, wie z. B. das Beissen und Schreien, welches im indischen Liebesleben eine so bedeutende Rolle spielt, die Raub- und Kampfehe primitiver Stämme, die das alte Wort bewahrheitet, dass jede Liebe ein Kampf sei. Sogar gewisse künstliche Vorrichtungen an den Genitalien bei wilden Völkern, wie der Ampallang der Dajaks auf Borneo, die chinesischen Glöckchen, die sogenannten „Reizringe“ u.a.m. bezwecken eine Hervorrufung von Schmerz zur Steigerung des Wollustgefühles und stellen gewissermassen Nachahmungen der ähnlichen rein natürlichen Einrichtungen bei Tieren dar.

Verschiedene Erscheinungs-formen des Sadismus: Ideeller und symbolischer Sadismus

Nach Lord Byron’s tiefsinnigem Worte: That pleasure is a sin and sin is a pleasure, vermag schon die Vorstellung der Sünde an sich, insofern sie den Einzelnen oder die Gesellschaft beeinträchtigt und schädigt, Lustgefühle eigener Art hervorrufen. Hierher gehört auch die Bemerkung des Larochefoucauld, dass in dem Unglücke unseres Nächsten immer etwas sei, was uns selbst angenehm berührt. Bekanntlich soll der letzte Kurfürst von Hessen an dem Unglück seiner Nebenmenschen besondere Befriedigung gefunden haben. Aus demselben Grunde bilden die Lüge, der Klatsch und die Verleumdung, Schimpfworte und Gotteslästerung eigentümliche Faktoren der Erregung für geschlechtlich ausschweifende Menschen. Dühren widmet in seinem Werke über den „Marquis de Sade“ der Lüge als Begleiterin der sexuellen Perversion ein eigenes Kapitel und hebt die Lüge als charakteristische Eigenschaft der Prostituierten hervor. Die Gotteslästerung spielt in den Romanen des Marquis de Sade ein grosse Rolle als sexuelles Reizmittel. In consequenter Weise wird sie am häufigsten zu diesem Zwecke von - Atheisten angewendet. Ebenso dient

die Beschimpfung von Menschen der Erhöhung der erotischen Ekstase.

Eine besondere Form des ideellen Sadismus ist auch die geschlechtliche Erregung durch blossen Anblick von Misshandlungen, worauf verschiedene, weiter unten zu berührende Kulturerscheinungen beruhen.

Endlich rechnet man neuerdings auch den Exhibitionismus zum ideellen Sadismus. Nach Naecke (Jahrbuch für sexuelle Zwischenstufen V, 204) weidet sich der Exhibitionist, d. h. der öffentlich seine Genitalien Entblössende, am Schreck, Unwillen oder an der Verlegenheit der Zuschauerinnen, was sexuell auf ihn wirkt, zumal wenn jene junge Mädchen sind.

Doch dürften hier auch manchmal andere Momente mit in Frage kommen.

Reeller Sadismus.

Dem ideellen steht ein reeller Sadismus gegenüber, bei welchem es sich um eine wirkliche Zufügung von körperlichem oder seelischem Schmerz oder um eine sonstige Beeinträchtigung und Schädigung des Nebenmenschen durch den Sadisten selbst handelt. Auch kann, wie schon erwähnt, die Schädigung blosse Objekte betreffen.

In erster Linie steht hier die körperliche Misshandlung vor und während des Geschlechtsverkehres, in den mannigfaltigsten Formen, vom einfachen Kneifen, Beissen oder einer anderen relativ harmlosen Verletzung bis zum Morde. Hierher gehören die aus rein sadistischen Antrieben unternommenen Geisselungen und Auspeitschungen, die Marterungen mit Eisen und Feuer, die Attentate der sogenannten „Mädchenstecher“, die Verletzung der Genitalien während des Coitus, Begiessung mit ätzenden Substanzen und endlich die verschiedenen grauenhaften Arten des „Lustmordes“ durch Gift,

die Beschimpfung von Menschen der Erhöhung der erotischen Ekstase.

Aufschlitzung des Bauches („Jack the Ripper“), Erdrosselung, ja sogar durch Kannibalismus.

Gewissermassen einen Uebergang von reellem zum ideellen Sadismus bildet die Fesselung des Individuums zum Zwecke der Steigerung des Geschlechtsgenusses, der oft schon allein durch den Anblick der gefesselten Frau ausgelöst wird.

Auch das Aussaugen von Wunden scheint in einigen Fällen die geschlechtliche Erregung hervorzurufen. Bekannt ist der Fall v. Krafft-Ebing’s, in dem ein Mann mit zahlreichen Schnittwunden an den Armen behaftet war, die er sich vor jedem Zusammensein mit seiner Frau beibringen musste, welche letztere erst an solch einer Wunde saugen musste, um sexuell erregt zu werden.

Zu den sadistischen Handlungen gehören ferner auch die Beschmutzungen und Besudelungen anderer Personen zum Zwecke der Hervorrufung oder Steigerung der Libido sexualis, z. B. die bei de Sade unendlich oft vorkommende Beschmutzung mit Urin oder Kot vor oder während des Aktes. Dass auch hier der Symbolismus stark hineinspielt, lehrt der von Dr. Pascal berichtete Fall, in welchem ein junger Mann mit seiner Geliebten einzig und allein die seltsame Handlung des Schwärzens ihrer Hände mit Kohle oder Russ vornahm und die so verunstalteten Hände in einem Spiegel längere Zeit betrachtete, wobei er sich unterhielt und offenbar in diesem Anblicke allein geschlechtliche Befriedigung fand.

Der Sadismus kann sich auch gegen andere lebende Wesen als den Menschen richten. Z. B. scheinen die chinesischen Sadisten es wesentlich auf Vögel, wie Gänse und Hühner, abgesehen zu haben. Sie schneiden denselben ante oder post coitum den Kopf ab, um sich an dem Anblicke des fliessenden Blutes und der Todeszuckungen wollüstig zu berauschen. Auch in europäischen Bordellen werden

die Beschimpfung von Menschen der Erhöhung der erotischen Ekstase.

derartige Dinge öfter beobachtet. Am bekanntesten ist der von Dr. Pascal berichtete Fall, wo ein Individuum Geflügel oder Kaninchen von Prostituierten in der schauderhaftesten Weise martern liess (Ausreissen der Eingeweide, der Augen u.s.w.) und dadurch allein sexuell befriedigt wurde. Ebenso soll der russische Grossfürst Demetrius (16. Jahrhundert) seine Geschlechtslust durch den Anblick der Todeszuckungen und des fliessenden Blutes geschlachteter Tiere aufgestachelt und befriedigt haben.

Den Uebergang von dem gegen lebende Wesen gerichteten Sadismus zu demjenigen gegen leblose Objekte bildet die Schändung und Verstümmelung von Leichen. Fast immer schliesst sich an den Lustmord noch eine brutale und scheussliche Zerstückelung des toten Körpers an. In anderen Fällen erfolgt die Befriedigung sadistischer Gelüste an der Leiche allein, die sogar zu diesem Zwecke nicht selten exhumiert wird. Der berüchtigtste derartige Fall ist der des Sergeanten Bertrand, Mitte der vierziger Jahre des neunzehnten Jahrhunderts, der zahlreiche frisch beerdigte Leichen ausgrub, um sie dann zu zerstückeln, die Eingeweide herauszureissen und dabei zu masturbieren, ja, in einigen Fällen sogar den Coitus mit der so zugerichteten Leiche auszuüben.

Höchst eigentümlich, aber sicher beglaubigt sind die Fälle, wo geschlechtliche Erregung durch leblose Gegenstände betreffende sadistische Handlungen hervorgerufen wird. Hierher gehören vor allem die in der Broschüre über den Fetischismus noch genau zu erörternden Beschädigungen von Kleidungsstücken während oder zum Zwecke der Hervorrufung des sexuellen Orgasmus. Gewisse Fälle von Brandstiftung, die schon de Sade als eine merkwürdige Ursache geschlechtlichen Genusses bezeichnet, lassen sich auch in diese Kategorie einreihen. Ebenso hängt

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die bei Frauen periodisch vorkommende Neigung zum Diebstahl, die sogenannte „Kleptomanie“ entschieden in vielen Fällen mit der sexuellen Sphäre zusammen.

Sadismus der Frauen.

Die interessante Frage, ob die Frauen mehr zu sadistischen Verirrungen neigen als die Männer, beantwortet der Marquis de Sade dahin, dass die Grausamkeit der Frauen eine viel intensivere sei, als diejenige der Männer, was er als eine Folge der grösseren Energie und Empfindlichkeit ihrer Organe betrachtet. „Die überspannte Einbildungskraft macht sie wütend und verbrecherisch. Wollt Ihr sie kennen lernen? Kündigt ihnen ein grausames Schauspiel an, ein Duell, eine Hinrichtung, einen Brand, eine Schlacht, einen Gladiatorenkampf, und Ihr werdet sehen, wie sie herzuströmen. Weitere Beweise für die wollüstige Grausamkeit der Weiber liefert ihre Vorliebe für den Giftmord und die Flagellation.“ (Dühren l.c. S.432.)

Richtig ist an diesem Ausspruche, dass die Grausamkeit, wenn sie bei Frauen auftritt, oft einen viel teuflischeren Charakter annimmt als beim Manne, und dass in der Tat Weiber eine seltsame Vorliebe für grauenhafte Schauspiele aller Art haben. Aber im allgemeinen sind weibliche Sadisten seltenere Erscheinungen als männliche, da derartige Handlungen nicht in so natürlicher Weise aus dem weiblichen Charakter hervorgehen, wie aus dem männlichen, wo sie meist eine blosse graduelle Steigerung von in der männlichen Natur begründeten physiologischen Erscheinungen darstellen. Fast ausschliesslich trifft man den Sadismus bei solchen Frauen an, die überhaupt geschlechtlichen Ausschweifungen ergeben sind, bei Messalinen-Naturen wie Katharina von Medici, Elisabeth und Katharina II. von Russland und zahlreichen mehr oder weniger vornehmen Frauen, denen neuerdings v. Schlichtegroll unter der Bezeichnung „Die Bestie im Weibe“ ein eigenes Werk

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gewidmet hat. Peskow berichtet den Fall einer 32jährigen Russin, die, besonders zur Zeit der Menstruation, von einer unersättlichen Geschlechtslust ergriffen, ihrem Manne Nadeln unter die Haut stiess, um sich an dem Anblicke der Blutstropfen wollüstig zu berauschen, was einen sehr heftigen Orgasmus zur Folge hatte.

Sadistische Kulturphänomene.

Nach Havelock Ellis wird der Geschlechtstrieb durch die zunehmende Kultur komplizierter und heftiger. Die schon in dem primitiven Geschlechtsinstinkte vorhandenen Erscheinungen treten schärfer und raffinierter hervor, so auch der Sadismus. Die Kultur überhaupt steigert ja das Erregungsbedürfnis des Menschen in vielfacher Beziehung (vergl. die Einleitung zu unserer Schrift über den Flagellantismus), welches gewissermassen jeder höheren Kultur „natürlich“ ist. So treten die stärkeren Reizungen des Geschlechtslebens in diesen natürlichen Entwickelungsprozess ein, und wir müssen jedenfalls bei ihrer Verdammung im Auge behalten, dass sie ähnlichen Kulturzwecken dienen, wie die masslosen Erregungen auf politischem Gebiete.

Da dieses Erregungsbedürfnis in Zeiten einer höheren Zivilisation vielfach sinnlicher Natur ist, so hat es leicht Grausamkeiten zur Folge, die mehr oder wenig innig mit dem Geschlechtstriebe zusammenhängen. Auch spielt bei diesen Kulturerscheinungen der Volkscharakter eine bedeutsame Rolle. Man vergleiche darüber die Ausführungen von Dühren („Das Geschlechtsleben in England“ Bd. III S. 64 ff.). Die alten Römer neigten mehr zu diesen Dingen als die Griechen, die Engländer in unserer Zeit mehr dazu, als die übrigen germanischen Völker. Ebenso sind die Inder mehr dafür prädestiniert. Es scheint, dass eine kalte Verstandesrichtung mehr dieser künstlichen Erregungen bedarf, als ein mehr im Gemüte wurzelndes Volksleben.

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Wir wollen in Kürze auf einige dieser „sadistischen Kulturphänomene“ hinweisen.

Welch’ eine jauchzende Grausamkeit lag nicht in dem Jubelrufe der Zuschauer: „Er hat’s!“, wenn bei den römischen Gladiatorenkämpfen ein Fechter getroffen war, welch’ ein brutaler Appell an die sadistischen Instinkte derselben war nicht die ihnen überlassene Entscheidung, ob ein überwundener Gladiator getötet werden sollte oder nicht, was durch Erheben (in negativem) oder Wenden des Daumens nach unten (in positivem Sinne) entschieden wurde. Nicht selten ertönte aus den Reihen des mordgierigen Volkes der Ruf: „Töte, peitsche, brenne!“, wenn es sich um die Bestrafung eines zaghaften Fechters handelte.

Noch scheusslicher waren die theatralischen Hinrichtungen durch wilde Tiere, bei welchen Menschen im Amphitheater, teils an Pfähle gebunden und völlig wehrlos, teils zur Verlängerung ihrer Qual mit Waffen versehen, den wilden Bestien überliefert wurden, die zuweilen überdies zum Menschenfressen abgerichtet waren. Und dies alles als Theaterszene!

Bezeichnend ist, dass Ovid solche Schauspiele, in denen man sich am Anblicke von Mord, Hinrichtung und schauerlichen Qualen ergötzt, zur Förderung von Liebesverhältnissen besonders empfahl! (Ars amandi, I, 164 ff.).

In der Neuzeit entsprechen diesen blutigen Schauspielen einigermassen die Stierkämpfe in Spanien und die öffentlichen grausamen Hinrichtungen, die bis zum Anfange des 19. Jahrhunderts die Quelle eines seltsam-wollüstigen Genusses für Tausende waren. Die unheimliche Anziehungskraft dieser blutigen Schauspiele spiegelt sich wieder in den Volks- und Bänkelliedern, mit denen diese Hinrichtungen gewissermassen poetisch verklärt und noch im Worte dem Jahrmarktspöbel schmackhaft gemacht wurden.

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Hinrichtungen gestalteten sich oft zu wahren Volksfesten. Besonders krass trat dies in England zu Tage, worüber Dühren im dritten Bande seines „Geschlechtsleben in England“ (S. 67) eingehende Mitteilungen macht. Man mietete sich dort zu den Exekutionen in Tyburn und Newgate Plätze wie zu einem Hahnenkampfe und Preisboxen. Eine englische Dame schilderte um 1850 einem deutschen Schriftsteller diese Zustände folgendermassen: „Die Fenster der Umgebung werden für teures Geld vermietet, Schaugerüste aufgeschlagen, Buden mit Esswaren und Getränken in der nächsten Nähe aufgepflanzt; Bier und Branntwein gehen zu vollen Preisen ab; meilenweit kommen sie gelaufen, geritten und gefahren, um das menschenschänderische Schauspiel zu sehen; und in vorderster Reihe die Frauen, meine Landsmänninnen, nicht etwa bloss die Weiber ärmerer Klassen, auch feine, zarte, blonde Köpfe.“ Bei der Hinrichtung auf dem Lande kam es oft unter der von weit und breit herbeigeströmten Landbevölkerung zu einem wahren Karneval von Ausschweifungen. Einzelne Individuen bekundeten oft noch speziell durch den eigentümlichen Eifer, mit dem sie kein Schauspiel dieser Art versäumten, dass ein sadistischer Instinkt, die Begierde nach einer ihnen oft selbst rätselhaften Wollust sie dazu antriebe. Solche Amateure waren, wie Dühren l.c. berichtet, bisweilen Personen aus vornehmem Stande, wie George Selwyn, der sogar zur Hinrichtung des Damiens im Jahre 1757 nach Paris reiste, James Boswell, der Schriftsteller und Biograph Johnson’s u. a. Hector France berichtet sogar von einem englischen Edelmanne, der freiwillig oft das Amt des Scharfrichters übernahm und mit besonderem Genüsse Frauen vom Leben zum Tode beförderte. Eine ähnliche Rolle als Volksbelustigungsmittel spielten die Hinrichtungen in Frankreich (vergl. Dühren „Der Marquis de Sade“ S. 248 ff.). Bei der

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schauerlichen Marterung und Exekution des Königsmörders Damiens am 28. März 1757, der eine ungeheure Menschenmenge, darunter zahlreiche Frauen, beiwohnte, die sich vier Stunden an den entsetzlichen Qualen des Unglücklichen berauschte, ereigneten sich echt sadistische Szenen. U. a. schildert Casanova die wollüstige Ekstase einiger männlicher und weiblicher Zuschauer bei dieser Hinrichtung. - Als non plus ultra des Genusses dieser Art preist der Marquis de Sade in seinen Schriften wiederholt den Anblick der Hinrichtungen von Bekannten. Freunden und solchen Menschen, die man seit längerer Zeit kenne.

Eine ähnliche Anziehungskraft wie Hinrichtungen üben die öffentlichen Misshandlungen von Menschen aus, wie die Auspeitschungen, deren sadistische „Wirkung in der bekannten Erzählung „Lenchen im Zuchthause“ geschildert wird, das Prangerstehen, das besonders in England zu scheusslichen Insulten führte u.a.m.

Eine eigentümliche Beziehung zwischen Tötung und Wollust darf auch in dem merkwürdigen Umstände erblickt werden, dass in Frankreich der Scharfrichter im Mittelalter die Aufsicht über die Freudenhäuser und die bei Hofe angestellten öffentlichen Mädchen hatte.

Ferner lassen sich mit Sicherheit sadistische Elemente nachweisen in den spezifisch mittelalterlichen Institutionen der Inquisition und der Hexenprozesse. Schon die allgemeine Anwendung der Inquisition lässt sich nur aus tiefeingewurzelten grausamen Instinkten der Menschennatur erklären, deren sadistischer Charakter besonders dann hervortrat, wenn Fremde, oft Männer und Frauen vornehmen Standes, der peinlichen Frage beiwohnten. Jakob I. von England soll dieser seltsamen Begierde mit Vorliebe nachgegeben haben.

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In den Hexenprozessen ist um so weniger ein sadistischer Faktor zu verkennen, als diese sich ausschliesslich gegen das weibliche Geschlecht richteten und meist die Folterung und Hinrichtung mit den obscönsten Erörterungen geschlechtlicher Dinge verknüpften.

Im Zusammenhang mit den Hexenprozessen stand ein weiteres sadistisches Kulturphänomen des Mittelalters, der sogenannte Satanismus, d. h. die Verhöhnung Gottes und der kirchlichen Gebräuche in Verbindung mit geschlechtlichen Ausschweifungen. Die Esels- und Narrenfeste des Mittelalters tragen schon diesen satanistischen Charakter, der sich in eigenen Sekten noch schärfer aussprach. So fröhnten die Geheimbünde der „Vollendeten“ der obscönsten Geschlechtslust, die mit einem glühenden Hasse gegen die christliche Lehre, mit Schändung der heiligen Geräte und Kirchen einherging, welche in der sogenannten „schwarzen Messe“, einer obscönen Parodie der eigentlichen Messe den Gipfelpunkt erreichte, wobei Männer und Weiber sich den scheusslichsten geschlechtlichen Ausschweifungen ergaben.

Gewisse Ausschreitungen des Klosterwesens und der religiösen Mystik gehören ebenfalls hierher. (Disziplin, Klostergräuel in alter und neuer Zeit u.a.). Die Geschichte der „Gekreuzigten von Wildisbuch“ ist ein lehrreiches Beispiel für die wunderbare Verknüpfung von Pietismus, Geschlechtslust und Grausamkeit. Auch der antike und mittelalterliche Glauben an Wärwölfe und Vampyre lässt mit voller Deutlichkeit gewisse sadistische Grundzüge erkennen, besonders wenn die tierisch-menschlichen Wesen ihre Angriffe gegen Personen des anderen Geschlechts richten. Eine Verschärfung dieser Vorstellung erblicken wir in dem Berichte über den Kaiser Nero, der sich mit dem Felle eines wilden Tieres bedeckte,

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wenn er seine Liebeswut sättigen wollte. Aehnliche Szenen schildert der Marquis de Sade.

Aehnlich motiviert sind kannibalische Gelüste, die nicht selten den Lustmord begleiten. Ja, der Kannibalismus der Wilden scheint, sobald er sich gegen geliebte oder befreundete Personen richtet, was nicht selten vorkommt, einer gewissen sadistischen Grundlage nicht zu entbehren. Ein drastisches Beispiel ist jener Italiener, der zahlreiche junge Mädchen ermordete, um aus ihrem Fleische Salamiwürste zu bereiten. Bisweilen scheinen Lustmörder im Schlürfen des Blutes ihrer Opfer einen wollüstigen Genuss zu finden.

Der Giftmord dürfte in jenen Fällen sadistischen Instinkten entspringen, wo geschlechtlich ausschweifende Weiber ihn häufig ohne andere Motive begehen, als aus Freude am Morden und an der Beobachtung des Dahinsiechens, der Qualen und Todeszuckungen ihrer Opfer.

Die Soldatenmisshandlungen sind oft so eigentümlicher Natur, dass sie gleichfalls den Verdacht des Sadismus erwecken. So wurde am 30. Juli 1903 vom Oberkriegsgericht gegen den Sergeanten W. vom 92. Infanterie-Regiment verhandelt, der seine Leute oft in seltsamer Weise misshandelte. Er holte sie z.B. Abends aus dem Bette und liess sie in diesem Zustande auf der Stube Klimmzüge machen. Viele Rekruten wurden in schmerzhafter Weise von ihm an den Genitalien gebürstet.

Als ein sadistisches Kulturphänomen kann auch die merkwürdige Deflorationsmanie in England betrachtet werden, über welche Dühren im ersten Bandes seines „Geschlechtsleben in England“ ausführlich berichtet. Diese Sucht, junge, unberührte Geschöpfe zu vergewaltigen, trägt offenbar typisch sadistischen Charakter.

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Auch der neue Kontinent weist solche Züge auf. Hierher gehört die Lynchjustiz, an der sich oft Weiber und Dirnen beteiligen, die übrigens auch im europäischen Russland nicht unbekannt ist, wie aus Dostojewski’s genialer Schilderung einer solchen Szene in den „Gebrüdern Karamasow“ hervorgeht; ferner die Sklavenjagden, bei denen sich, z.B. auf Isle de France, ebenfalls oft Frauen beteiligten, die Marterung bei den Indianern u.a.m.

Endlich scheinen gewisse gewaltsame kulturelle Störungen, vor allem die Revolutionen, die sadistischen Instinkte mit Vorliebe auszulösen, zu steigern und durch psychische Ansteckung zu einer Massenverbreitung zu bringen. Man kann sagen, dass die Lust an der Niedermetzelung die Vorbedingung jeder gewaltsamen Umwälzung ist. Die grosse französische Revolution liefert hierfür drastische Beispiele in Menge.

Es liessen sich gewiss noch mehr Umstände ausfindig machen, um Nietzsche’s oben angeführten Ausspruch von der tiefen Versetzung aller Kultur mit Grausamkeit zu bewahrheiten. Doch dürfte das Mitgeteilte ausreichen, um die Wirksamkeit dieser sadistischen Elemente im Kulturleben nachzuweisen.

 

 

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